1. Nachwirkungen

Bisher habe ich immer darüber geschrieben, wie gut ich seit der Operation zurechtkomme. Davon werde und kann ich auch kein Wort zurücknehmen.
Wer sich erinnern kann, bei der Beschreibung des Hirnstimulators habe ich auch darauf aufmerksam gemacht, dass der Stimulator nicht dafür gedacht ist, akute Zustände zu heilen; dass dafür nach wie vor die Medikamente notwendig sind.

Probleme gibt es dann, wenn man anfängt, nach der OP die Medikamente abzusetzen. Bei allem guten Willen, es ist eine Quälerei, denn es ist mit einem Drogenentzug zu vergleichen.Zur Zeit ist es so, dass ich jeden Tag langsamer und lahmer werde. Die Beine und die Glieder fühlen sich jeden Tag schwerer an und drohen, wieder in die Erde zu versinken.

Auch die Hände werden jeden Tag steifer und unbeweglicher.

So manches Mal bin ich nicht mal in der Lage, mir zum Frühstück ein Brötchen aufzuschneiden und mir Butter und Marmelade darauf zu verteilen.

Ich habe da Glück, dass meine Freundin dies für mich übernimmt, aber die andere Seite ist die, sie ist ein Morgenmuffel und es dauert und dauert, ehe ich ihr mal ein Wort entlocken kann. Dazu macht sie dann ein Gesicht, als hätte ich ihr zum frühen Morgen etwas Schlimmes angetan oder in der Nacht ein Verbrechen begangen.

Oder aber, meine Zimmertür öffnet sich und anstatt eines guten Morgen wird gemeckert, weil ich schon wieder am Computer sitze und schreibe.

Aber wenn das so ist, dann sage ich: Guten Morgen, ich freue mich, dass du gesund und munter bist und meistens verzieht sich der Mund dann schon zum Anfang eines Grinsens.Trotz allem, was da so passiert, seit ich die Tabletten schon ziemlich weit reduziert habe, mußten schon dreimal eine Madopar LT her, damit ich am Tag über die Runden komme.

Und das ist etwas, was mir überhaupt nicht gefällt, es kommt mir vor wie eine Niederlage.

Mein Allerbester hat mich also wieder eingeholt und versucht schon wieder, mir das Leben zur Hölle zu machen. Er wird jeden Tag dreister und denkt, er hätte schon wieder soviel Gewicht, dass er sich dermaßen in den Vordergrund spielen kann.

2. Meine Antwort:

Scher dich zum Teufel, wo du ganz sicher mal hergekommen bist. Glaube ja nicht, du kannst mich wieder in deinem Höllenfeuer bruzeln lassen!

Und wenn du denkst, du könntest wieder so ohne alles bei mir einziehen, ich, mein lieber Freund habe die Schlösser wechseln lassen, du wirst es schwer haben, hier wieder einzusteigen.

Du weißt sehr genau, ich hasse dich, du bist das Übelste,
was mir jemals begegnet oder passiert ist. Sicher, in meiner übergroßen Freude, dich endlich mal für eine Zeitspanne los zu sein, habe ich mich in letzter Zeit ein wenig überlastet, zu viel Sport, zu viel Töpfern, zu viel Physiotherapie, zu viel Wasser-gymnastik, zu viele neue Verpflichtungen angenommen.

Und auch noch, wenn ich sowieso schon nicht mehr richtig gut laufen konnte, habe ich mit meinem Dickkopf die Nordic Walking Stöcke geschnappt und bin draußen eine große Runde gelaufen oder aber, bis jetzt ging das ja noch, in den Wald gegangen, um mit einem gefüllten Körbchen Pilze wieder nach Hause zu kommen.

Um dieses Körbchen jedoch gefüllt zu bekommen,
muss man schon die Waldwege ein wenig verlassen und durch das Gestrüpp der Schonungen krabbeln, sich also bewegen, sich bücken, dann wieder die Beine hoch heben um über Brombeer- und anderes Gesträuch, dass sich aufführt wie Wegelagerer hinweg zu kommen.

Es umschlingt deine Beine, so dass du dich nur mit viel Mühe daraus befreien kannst. Du kannst die Beine noch so hoch heben, wenn das rechte auch schon fast bis um Himmel hochgereckt ist, dann packen sie eben das linke und wickeln sich drum herum, so dass die Stacheln schmerzhaft zu fühlen sind, ganz in der Art und Weise wie du es immer tust.

Natürlich hast du schon längst auf der Lauer gelegen,
lässt mich wackeln, du rüttelst an mir und schubst mich solang, bis ich das Gleichgewicht verliere und mich auch noch mit dem Hosenboden in den Brombeeren wieder finde.

Nicht genug, dass ich die Hosen dann sowieso schon ein Stück weit runter lassen muss, weil die Stacheln sich durch den Stoff gewühlt haben und der Allerwerteste brennt wie Feuer, nein du scheinst dann auch noch ganz hämisch zu grinsen, ich sehe dich da förmlich vor mir und wenn ich nicht so ruhig geworden wäre, würde ich am liebsten meine Stöcke nehmen und dich so richtig und nach allen Regeln, die man so im Kopf hat, verprügeln, so dass Du nie wieder deinen Mund aufmachst in
meiner Gegenwart.

3. Meine Walkingstöcke helfen

Zum Glück sind mir aber meine Walkingstöcke wohlgesonnener als du, so dass dies nicht all zu oft passiert. Sie sind eine wunderbare Stütze und als Wegbegleiter unentbehrlich geworden. Auch wenn ich so wieder bar aller Hilfsmittel laufen kann und ich bin ganz stolz darauf, wenn ich es eilig habe, nehme ich die Stöcke und bin dann schneller als der Blitz dort, wo ich
gerade einen Termin habe.

Jeder, der mich kennt und weiß, dass ich mit diesem üblen Kerl zu kämpfen habe, staunt immer wieder, wie gut das geht, spricht mich auch darauf an und wenn auch die Knochen schwer wie gusseiserne Pfannen und Töpfe an mir hängen,ich krähe fröhlich vergnügt:

Natürlich geht es mir gut!